Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e.V.
Biologische Station Soest

Stellungnahme zu zwei Lesebriefen

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Stellungnahme der ABU zu zwei Lesebriefen zur Lipperenaturierung. Die beiden Leserbriefe sind in den beiden Bildern am Ende einsehbar.

"Was bringt die Renaturierung der Lippe und ihrer Aue, was darf sie kosten? Zwei Leserbriefe haben sich anlässlich einer laufenden Maßnahme der Bezirksregierung Arnsberg an der Lippe bei Hultrop kritisch geäußert.

Ein Blick zurück: Bis vor ca. 50 Jahren wurde die Lippe technisch ausgebaut, ihre Ufer befestigt, das Flussbett vertieft und teilweise begradigt, die Flussaue mit Entwässerungsgräben vollständig entwässert. Das hat vielen Tieren und Pflanzen ihren Lebensraum gekostet, was durch Daten, Berichte und Bilder sehr gut belegt ist. Darüber hinaus haben diese Ausbaumaßnahmen die Hochwassergefahren erheblich erhöht.

Der eine mag eine technisch ausgebaute Lippe als ordentlich und zweckmäßig empfinden, viele Menschen jedoch finden die Abschnitte der Lippe, auf denen Fluss und Aue inzwischen wieder renaturiert werden konnten, viel attraktiver. Sie freuen sich darüber, dass einst heimische Vogelarten wie Eisvögel, Uferschwalben, Kiebitze und Weißstörche zurückkehren, dass die Vielfalt der Fischarten gewachsen ist, dass die renaturierte Lippe und viele neue Stillgewässer in der Aue über 30 Libellenarten Lebensraum bieten und blütenreiche Auen eine große Zahl weiterer Insektenarten ernähren.

Viele Renaturierungsmaßnahmen tragen auch zum Hochwasserschutz bei. Die Flussaue wird bei Überschwemmungen wieder durchflossen und in den renaturierten Abschnitten der Aue wird mehr Wasser zurückgehalten. Das reduziert Hochwasserstände und schützt Menschen und Sachwerte flussabwärts.

In Zeiten des Klimawandels sollten wir wo immer möglich Wasser in der Landschaft zurückhalten und, wo die Eigentumsverhältnisse dies zulassen, Entwässerungsgräben wieder schließen. So entstehen neue Lebensräume, besser geschützt gegen Austrocknung in immer häufigeren Trockenperioden; dies stützt auch die Wasserführung der Lippe in solchen Zeiten.

In renaturierten Flussabschnitten ist die Selbstreinigungskraft stärker als in ausgebauten Abschnitten. Woran liegt das? Wo das fließende Wasser Kontakt zu Wasserpflanzen und Sedimenten hat, bauen Mikroorganismen und Pilze organische Stoffe aus Abwassereinleitungen ab. Eine renaturierte Lippe ist flacher, wodurch pro laufendem Meter viel mehr Wasserpflanzen wachsen, viel mehr Licht die Sohle des Flusses erreicht als in der schmalen und tiefen ausgebauten Lippe. So unterstützen die renaturierten Lippeabschnitte die wichtige Aufgabe unserer Kläranlagen.

Exkursionen in die Schutzgebiete, Beobachtungs- und Rastmöglichkeiten, Informationstafeln und anderes mehr schaffen interessierten Menschen die Möglichkeit, an den positiven Wirkungen der Renaturierungen teilzuhaben. Zur Kritik am ehemals in Lippborg geplanten Beobachtungsturm: Dieser Turm war ausdrücklicher Wunsch der Kommune, so wie auch der in Bau befindliche Turm in Lippstadt. Wir vom Naturschutz haben diese Wünsche unterstützt, haben bei der Suche nach möglichst verträglichen Standorten geholfen.

Die Leserbriefschreiber halten die Kosten von Renaturierungsmaßnahmen für viel zu hoch und fordern einen „Naturschutz mit Augenmaß“. Ein Blick auf die Ausgaben des Landes NRW für den Naturschutz insgesamt und für die Förderung von Projekten zur Renaturierung von Bächen und Flüssen – beides staatliche Aufgaben – zeigt Folgendes: Für „Naturschutz“ stehen in 2026 insgesamt ca. 60 Millionen Euro zur Verfügung, das entspricht etwas mehr als 3 Euro pro Einwohner und Jahr. In Projekte zur Renaturierung von Bächen und Flüssen hat das Land in den vergangenen Jahren jährlich eine ähnliche Summe investiert. Diese Ausgaben möge man vergleichen mit den Ausgaben für andere Aufgaben! Und zu den Kosten noch ein Hinweis: Den „Betrieb“ renaturierter Lippeabschnitte leistet die Natur nahezu kostenlos, Hochwasserschäden werden reduziert wie auch die Kosten für die Gewässerunterhaltung.

Viele Gründe sind dies für die Renaturierung, deren Kosten für die Allgemeinheit sich in engen Grenzen halten. Und es sind auch vor dem Hintergrund von Biodiversitäts- und Klimakrise gut investierte Mittel.

Joachim Drüke
Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz (ABU)"