Naturentwicklung mit großen Pflanzenfressern

Naturentwicklung mit großen Pflanzenfressern

Naturentwicklung ist ein Begriff, den niederländische Naturschützer geprägt haben.
Auf Flächen, die der Mensch bisher intensiv nutzte, soll sich die Natur bei möglichst geringer menschlicher Einflussnahme entwickeln können. Keine Pflege, kein Mähen, kein Ernten! Pflanzen und Tiere, die Witterung und in der Aue das Hochwasser sind die typischen Kräfte, die die Entwicklung bestimmen. Wirft der Sturm einen Baum um, bleibt er liegen. Er wird von spezialisierten Pilzen und Insekten besiedelt und allmählich zersetzt. Auf dem Mulm des vergangenen Baumes wächst eine neue Generation.
Der ehemalige Maisacker begrünt sich von allein. Gräser und Hochstauden bestimmen rasch das Bild. Nach wenigen Jahren keimen die ersten Gehölze, z.B. dornenbewehrte Schlehen, Heckenrosen oder Weißdornbüsche. Auch Birke und Schwarzerle sind typische Pioniere, die sich auf geeigneten Standorten, wenn keine dichte Grasnarbe ein Keimen der Samen verhindert, rasch ausbreiten können.
In der Aue lagert das Hochwasser an der einen Stelle Schlamm ab und bildet so ein neues, nährstoffreiches Saatbett. An einer anderen Stelle hinterläßt das Hochwasser eine sandige Fläche, die anschließend von Spezialisten nährstoffarmer Standorte besiedelt wird. An einer dritten Stelle reißt die starke Strömung die Grasnarbe auf und legt den Rohboden frei: Ein geeigneter Standort für Pioniere ist entstanden. Ohne Einflussnahme des Menschen entsteht Vielfalt, der eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt folgt.
Solche Abläufe - seien sie Teil einer geordneten Abfolge oder ein zufallsbestimmtes Geschehen - werden auch als natürliche Prozesse bezeichnet.
Und welche Rolle kommt großen Pflanzenfressern zu?

 Auerochse, Pferd, Wisent, Elch und Hirsch sind einige der großen Pflanzenfresser, die sich von Gräsern, Kräutern, Knospen, Rinde und Zweigen ernähren. Seit Millionen von Jahren haben die Pflanzenfressser und ihre Nahrung eine gemeinsame Evolution erlebt. Dornen, Bitterstoffe, schnelles Höhenwachstum, silikatische Einlagerungen bei Gräsern sind Abwehrmaßnahmen der Pflanzen gegen das Gefressenwerden. Die Pflanzenfresser wiederum bildeten ihre Strategien aus: Wiederkäuer leben mit Bakterien zusammen, die in den Verdauungsorganen der Paarhufer die schwer verdauliche Zellulose aufschließen. Elch und Reh sind auf energiereiche Pflanzenteile wie Knospen und Blätter spezialisiert, während Pferd und Auerochse besonders harte, hochkronige Zähne entwickelt haben, die mit den Silikat-Einlagerungen der Gräser fertig werden. Einige Huftiere können sogar gefahrlos "giftige" Pflanzen zu sich nehmen.

Pflanzen und Pflanzenfresser sind oft Gegenspieler, manchmal aber auch gegenseitige Nutznießer. Gräser etwa werden in Mitteleuropa ohne Huftiere bald von Hochstauden, Büschen und schließlich Bäumen verdrängt. Eine Beweidung kostet die Gräser zwar einen Teil ihrer Substanz, aber gleichzeitig bleibt ihr Lebensraum dadurch erhalten oder vergrößert sich sogar auf Kosten der Gehölze. Auf diese Weise kommen die grasfressenden Tiere zu ihrer Nahrung, und die Gräser haben einen Konkurrenzvorteil gegenüber anderen Pflanzen, weil sie sich im Laufe der Evolution daran angepasst haben, mit dem regelmäßigen Abgefressenwerden zurechtzukommen.

Unter dem Einfluss der wildlebenden großen Pflanzenfresser wäre die Naturlandschaft Mitteleuropas wohl kein insgesamt geschlossener Wald, sondern ein Mosaik von gehölzbewachsenen und offeneren Lebensräumen. Alle Übergänge von Hochwald über heckenartiges Dornengebüsch und Staudenfluren bis hin zu savannenartigen Graslandschaften dürften vorgekommen sein. Der Boden, der Wasserhaushalt, die Nährstoffversorgung, die Steilheit des Geländes und das Klima sind dabei wesentliche Faktoren für das Gesicht der Naturlandschaft.

Könnte man die Landschaft wie in einem Zeitraffer betrachten, so würde sie an vielen Standorten eine erstaunliche Dynamik offenbaren: wo zunächst noch lichter Wald ist, kann nach dessen Zerfall zeitweise Weideland sein. Dornenbewehrte Sträucher wiederum bieten fraßempfindlichen Bäumen Schutz und leiten damit wieder die Entwicklung hin zu lichtem Wald ein.

Nicht außer acht lassen darf man den Zufall! Ein Blitz kann einen Hochwald in Brand setzen und Weidetieren einen - eventuell vergänglichen - grasreichen Lebensraum bieten. Ist der Bestand an Weidetieren z.B. durch Seuchen reduziert, haben die Bäume eventuell sofort wieder eine Chance.

Von weidenden Tieren beeinflusste oder sogar geprägte Landschaften sind Lebensraum für viele Pflanzen- und Tierarten. Ihre Evolution hat sich auch in solchen Landschaften abgespielt. Wenn man heutzutage neben der Pflege und der schonenden Nutzung artenreicher und schöner Kulturlandschaften auch Naturschutzgebiete und Nationalparke mit möglichst naturnahen Zuständen wünscht, dann muss man dort den natürlichen Prozessen Raum lassen. Und dazu gehört auch die Gestaltung von Vegetation und Landschaft durch große Tiere.
Die spezialisierten Grasfresser wie Auerochse und Pferd, haben einen besonders starken Einfluss auf die Struktur ihres Lebensraumes. Da beide Arten in ihrer Wildform ausgestorben sind, gibt es seit einigen Jahren Bemühungen, robuste Haustierrassen als ökologische Stellvertreter in Schutzgebieten einzusetzen. Diese Idee wurde Anfang der 1980'er Jahre in den Niederlanden geboren und 1983 erstmals in Oostvaardersplassen auf Flevoland umgesetzt. Seitdem hat sich dieses Konzept zunächst in den Niederlanden verbreitet. 1991 hat die ABU dieses Konzept in der Klostermersch im Kreis Soest realisiert.

Joachim Drüke, Dr. Margret Bunzel-Drüke, Dezember 2001

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